Hinter Twisk stecken Martina Lenzin und Lennart Thiem. Ihre musikalischen Schablonen legen sie
behutsam auf ein weißes Stück Papier. Wer den Lauf hat, hat die Führung, doch man muss bei
keinem der Beiden Angst haben, dass er zuerst im Ziel ankommt. Auf dem Weg wird gewartet, es
wird sich ausgetauscht. Man hat sich nicht umsonst für die Gruppierung Duo entschieden. Nicht nur
Lennarts und Martinas Stimmen machen Pingpong. Auch die Instrumente Bass und Gitarre werden
ständig von der eigenen in die andere Hand gereicht. So kann die abstrakte Fragilität ihr Wunder
verrichten.
Twisk liefern einen kompletten Gegenentwurf zu klassischen Rock- oder Popsongs. Man darf und
kann eben keine Wohlfühl- und Behaglichkeitsmusik erwarten; dies werfen doch schon zigtausend andere
auf den Weltmarkt. Twisk hingegen schenken uns virtuoses Songwriting, kurz vor der Kapitulation.
Wer will schon einer läppischen Struktur wie Strophe, Refrain oder Bridge folgen? Die beiden
Hamburger wedeln lieber mit einem Taschentuch, wenn ein Song zu arg aus den Tabulaturen zu
switchen droht. Obacht! Oder sorry, wir können nicht anders.
Hier wird Musik in Worte gepackt; nicht umgekehrt. Das Tapedeck ist Verbündeter, Bandmember
und Schießbude in einem. Wir hören und erfahren rhythmische Musik, die sich gegen Rockmusik
oder schnarchendes Indietum auflehnt. Twisk wollen kein Abziehbild sein, obwohl man natürlich
gerne über eine Gitarre, die Funk hat, so wie ihn David Byrne erfand, oder über eine Band wie die
Young Marble Giants sprechen könnte, wenn man dieser neuen famosen Band die Luft nehmen
möchte. Bitte, Vorbilder dürfen doch wohl noch gestattet sein! Wenigstens Referenzen. Auch wenn sie
nur der Rezipient hört. Immer wenn Lennart mit seiner Stimme in die Höhe geht, rutscht mir das
Herz tief in die Hose. Toll. Manchmal ist die Gitarre reinste Zerlegung. Wunderbar gespielt. Nur der
Beat hält sich an seine Programmierung und gibt dem Bass einen Anhaltspunkt, um hüpfen zu
können. Martina legt mit Bedacht mehr Wut in die Vocals. Ich zittere. Alles passiert so bei- und gegenläufig.
Die Stimmen suchen sich einen eigenen Raum zum Träumen, während die Instrumente
stoisch im Nirgendwo Dissonanzen erfühlen.
Twisks Musik darf einfach wirken, ohne dass man sich Gedanken über Texte oder das Zusammenspiel
der einzelnen Musiker machen soll-te. Also schnell alles vergessen, was ich bislang geschrieben
habe. Cut. Immer vertrackter, aber auch immer genialer geht es zu. Bei wie-derholtem Hören der
Lieder erschließen sich Aufbauten oder gar kleine Sprünge. Melodiebögen fressen sich in die nach
Refrains gierenden Synapsen. Man fiebert quasi mit. Wird es der Song schaffen, die Kurve zu kriegen?
Löst sich alles im Himmel auf? Twisk tauchen in den Intellektuellen-Pop der frühen achtziger Jahre
ein. Aber sie kopieren nicht, nein, sie lehnen sich an und das Gerüst fällt dann noch nicht einmal um.
Das alleine ist schon eine Leistung.
Twisk sind irgendwie düster, ja, vielleicht sogar melancholisch und einfach wunderschön. Sie spielen
spröden Minimal-Rock, der sich mit herber Gitarre und verspieltem Bass seine eigene Sonne malt.
Wenn sich die Stimmen von Lennart und Martina treffen, klingt das wie ein verstohlener Blick aussieht.
Twisk sind ein zarter Kuss, der so viel bedeuten könnte. Man will ihn festhalten und immer
wieder aufs Neue schmecken. Wer noch Platz im Herzen hat, sollte Twisk seine Chaiselongue als
Schlafplatz auf Lebenszeit anbieten. Endlich mal wieder eine Band aus Hamburg, die sich was traut.
Ich bin Fan.
Zloty Vazquez
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