"Ein Sound taucht aus der Ferne auf, beginnt mit uns vertraut zu werden, nimmt uns unmerklich gefangen – bis jäh ein Groove eintritt, der Motive, Figuren, Themen in die Musik trägt. Verschiedene, um nicht zu sagen, gegensätzliche Prinzipien durchdringen sich, bis daraus ein Ganzes hervorgeht. Auf mikroskopische Kleinteiligkeit wird dabei ebenso viel Augenmerk gelegt wie auf die kosmische Logik des Gesamtprozesses.
Bellbird ist eine jener jungen deutschen Jazzgruppen, die auf der ebenso vitalen wie kreativen Achse Köln-Berlin in Aktion treten. Im Gravitationsfeld vielversprechender Bands wie Expressway Sketches, Max Andrzejewskis Hütte, Tobias Hoffmanns Fallschirme oder bestimmten Formationen um Pablo Held werden hier die Möglichkeiten des interurbanen Dialogs der beiden aktuell umtriebigsten deutschen Jazzbiotope ausgelotet, der erstaunlich vielseitige Ergebnisse zutage fördert. Es macht wenig Sinn, aufzuzählen, mit wem die sechs Beteiligten individuell schon gelernt, geworkshopt, produziert und zusammengespielt haben. Denn sie definieren sich weniger über bereits zurückgelegte Wegstrecken als über die gewaltigen Vorhaben, die noch vor ihnen liegen.
Jazz ist auf „Transmitter“ kein abgehobenes Klangweltbild einer überqualifizierten Musikerelite, der es völlig egal ist, ob ihr überhaupt noch jemand zuhört. Jazz präsentiert sich hier als alternative Lebenskultur junger Menschen, die sich ebenso leidenschaftlich mit Hardcore, HipHop oder Americana identifizieren können. Diese Musik ist uneingeschränkt Jazz, und doch sind keinerlei Vorkenntnisse notwendig, um sich in ihr wiederzufinden.
Bellbird spielen mit Klangfarben und Formen, die pointiert und kleinteilig verzahnt werden. Der zur Zeit im niederländischen Maastricht lebende Pianist und Bandleader Marco Mlynek macht aus seinen kompositorischen Vorlieben keinen Hehl. Selbstbewusst erzählt er seine Geschichte – komplettiert durch den jeweils besonderen Sound und das sichere Handwerk seiner Mitmusiker. So entsteht ein dichter, homogener und eigenständiger Klang. Bellbird vermitteln sehr individuell zwischen dem Postbop der mittleren sechziger Jahre und dem Minimalismus eines Steve Reich. Als Komponist beweist Mlynek aber auch eine sichere Hand bei der Rückübersetzung elektronischer Prozesse in einen akustischen Kontext. In dieser Hinsicht ist Bellbird Postrock-Bands wie Tortoise und Battles vielleicht näher als einem großen Teil der Jazzgeschichte - mit einem Sound, der ebenso leicht und melodiös ist wie zerbrechlich. Ständig verändert sich die Beschaffenheit der Klangoberflächen und je öfter man diese Musik hört, umso einfacher wird das Komplizierte und umso komplexer das Einfache.
Mit Bellbird tut sich dem deutschen und europäischen Jazz ein Stück Zukunft auf, das mitten in der Alltagserfahrung der Gegenwart verankert ist, mit seinem Lebensentwurf aber auch neue Perspektiven eröffnet. "
Wolf Kampmann (Jazzjournalist, Autor des Reclam Jazz Lexikon)
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