
Manchmal ist ja ein kurzer Blick zurück ganz hilfreich. Guten deutschen Pop, so lässt sich dann erkennen, gab es schon weit vor der geilen Zeit mit der tollen Welle, in der jetzt lauter kleine Stars an die deutschen Strände spülen. Als zum Beispiel 1998 die Hamburger Band Pornomat ihr erstes Album herausbrachte, da trauten ihr die Medien unisono reichlich viel zu. Dummerweise gab es die Band ein Jahr später gar nicht mehr, sowas kann vorkommen.
Wer damals das Booklet genau studiert hatte, dem war aufgefallen, dass ein Mann auffällig allein all die schönen Songs und Melodien geschrieben hatte. Und deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass eben jener Siebeth sich im Jahre 2002 mit einem schönen Solo-Debüt namens “Einmal Accum und zurück” aus der Pause meldete. Leider war das keine allzu gute Zeit für den Pop, schon gar nicht für den deutsch gesungenen. Doch Siebeth hat sich nicht entmutigen lassen, und nun erscheint mit “Trainingsjackensupervisorfreak” sein bereits zweites Album.
Damit hat Siebeth uns ein hübsches, erstmal leicht zu unterschätzendes Ei ins Nest gelegt. Da säuselt nämlich anfangs eine süße, kleine Französin (die bezaubernde Miss Jessica von der Sam Ragga Band) mit dem “das so schön 'at gepriekelt in meine Bauchnabell”-Akzent Harmlosigkeiten in flotte Rhythmen, bevor Siebeth dann über den “Trainingsjackensupervisorfreak” dichtet. Und von nun an zückt der Liebhaber vertrackter Überraschungen die Asse reihenweise aus dem Ärmel. Ob da zu schweren Scratches wie aus heiterem Himmel ein paar Leude Siebeths Namen rappen oder zu aufgepumpten Electro-Bässen Siebeth sanfte Short Stories erfindet, jede Minute wartet mit elegant geschlagenen Haken und brummkreiselheiteren Phantasien auf. Pop zu machen kann vielleicht manchmal eine ernste Sache sein, Pop zu hören indes sollte dies auf keinen Fall jemals werden.
Schon “Einmal Accum und zurück” war das Mosaik eines Musikers, der vage Ideen manchmal erst zu Songs macht, bevor er sie weiterdenkt und so ungeheuer frische Ware anzubieten hat. Auf seinem neuen Album hat Siebeth das zufallsprinzipielle System nun dramatisiert und so ein knappes Dutzend Songs in bislang hierzulande noch nie gehörter Art und Weise zusammen gestellt. Vom Leichten zum Schweren, vom Banalen zum Bedeutenden, vom Wirren zum Geordneten und doch immer knapp am drohenden oder auch mal lockenden Chaos vorbei schlingern seine wunderbaren Lieder – und entgleisen doch nie. Selbst dann nicht, wenn Siebeth zwischendurch mal ein paar Sprossen auf der Ideenleiter zurück steigt, als habe er dort blöderweise etwas unheimlich wichtiges vergessen.
Ganz am Ende der aufregenden Tour steht dann ein Lied, welches den Titel “Beruhigungslied” trägt und sich auch so anhört. Aber, liebe Hörer, Sie ahnen es vielleicht schon: Vertrauen Sie bei Siebeth nie dem ersten Anschein, hören Sie lieber zweimal hin.
← Go Back